Wachstum: Von Bäumen lernen

Peter Wohlleben sagt, dass Bäume langsam wachsen müssen, damit sie ihre volle Stärke entfalten können. Hierfür brauchen sie am besten ihren natürlichen Lebensraum und vor allem etwas, das sie am unkontrollierten Wachsen hindert: Schatten. Sie sollen nicht einfach so in die Höhe schießen. Schnelles Wachstum schwächt den Baum. Die Stämme sind dünn, die Wuzeln flach.

Welche Folgen das haben kann, wurde mir heute bei einem Spaziergang sehr deutlich vor Augen geführt. In der letzten Woche gab es einen starken Sturm in NRW, so auch bei mir im Dorf. Als ich unterwegs war, kam ich an Bäumen vorbei, die entwurzelt dalagen. Einfach umgefallen. Das fand ich, ehrlich gesagt, noch nicht so verwunderlich und irritierend, bis auf die Menge der Bäume, bei denen dies geschehen ist. Doch dann kam ich an einigen Bäumen vorbei, die irgendwo in der Mitte des Stammes abgeknickt sind. Ungefähr 10 Meter Stamm standen noch, der Rest lag auf dem Boden. DAS hat mich wirklich irritiert, denn abgeknickte Bäume habe ich nur selten gesehen. An dem Waldstück standen aber gleich 5 oder 6 solcher Exemplare.

Mir kamen die Worte Wohllebens wieder in den Sinn: Wenn Bäume zu schnell wachsen, können sie nicht ihre volle Stärke entwickeln...

Seit einigen Jahren befasse ich mit dem persönlichen Wachstum von uns Menschen. Nicht die körperliche Größe, sondern die innere Reife und das Lernen. Ich stoße dabei immer wieder ungeduldig an einen Punkt, an dem es nicht weitergeht. Vieles in meinem Leben habe ich aufgräumt und dankbar ziehen lassen. So geht es auch Freunden von mir und Menschen, denen ich nur flüchtig begegnet bin. In diesen Phasen stelle ich mir die Frage: Was mache ich falsch? (oder die anderen) Warum tritt immer wieder diese Bremse auf? Warum noch eine neue Runde? Haben wir nicht schon so viel gelernt und gemacht und getan? Können wir nicht endlich einfach nur glücklich leben? Was denn noch???

Heute fand ich die Antwort in den abgeknickten Bäumen. Was für die Bäume gilt, gilt ebenso für uns Menschen. Wenn wir schnell wachsen, erreichen wir schnell ungeahnte Höhen und offenbar auch unsere Wünsche und Träume. Doch wenn ein Sturm aufbraust und über uns hinwegfegt, wenn sich Krisen und Schwierigkeiten in unserem Leben auftun, fehlt es uns an Stärke und tiefen Wurzeln. Also hat sich das Leben für uns etwas Wichtiges ausgedacht. Es hemmt unser Wachstum schon von Beginn an, z.B. durch negative Überzeugungen oder Situationen, die uns klein halten. Auf der anderen Seite versorgt es uns mit allem, was wir benötigen, um dennoch groß zu werden. Wichtig ist nur, dass wir unser Ziel, zu reifen und uns zu entwickeln, nicht aus den Augen und dem Herzen verlieren und dass wir bereit sind, die negativen Gedanken über uns irgendwann einmal loszulassen, wenn die Zeit reif ist. Alles nach und nach - eine Übung in Geduld und Beharrlichkeit. Denn so, wie auch ein Baum die Kronen der Nachbarbäume erreicht, können auch wir unsere volle Größe entfalten, wenn wir dranbleiben.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen festes Holz und tiefe Wurzeln, die Sie sicher durch Ihre stürmischen Zeiten begleiten. Und sollte Sie einmal wieder die Ungeduld überkommen, dass Ihnen Ihr Wachsen nicht schnell genug geht, denken Sie daran: Die Bremsen machen Sie stark und widerstandsfähig und lassen Sie erkennen, mit wem Sie alles verbunden sind.

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